Jahrhunderthalle in Breslau

Produkte:

  • KEIM Concretal-System

Bauinfo:

Bauherrschaft: Przedsiębiorstwo Hala Ludowa, Volkshalle GmbH

Generalunternehmer: Alpine Bau GmbH 

Architekturplanung: APP Konarzewski 

Fachgutachten, Konstruktion: MBM 

Stratigraphische Analysen: Ryszard Wójtowicz 

Ausführung der Betoninstandsetzung und der farblichen Vereinheitlichung von Sichtbetonflächen: Polskie Mosty 

Restauratorische Aufsicht: Städtische Denkmalschutzbehörde Breslau – 

Farbberatung: Jerzy Ilkosz, Grzegorz Grajewski

Technologielieferant für die farbliche Fassadenvereinheitlichung: KEIM Farby Mineralne, KEIMFARBEN Polen GmbH

Fassadensanierung der Jahrhunderthalle in Breslau

 

Farbliche Vereinheitlichung von Betonflächen
Die Breslauer Jahrhunderthalle gilt als wahres architektonisches Unikat. Die 2009 durchgeführte komplexe Erneuerung der Fassade ermöglichte eine Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes. Im Rahmen der Instandsetzung wurde eine farbliche Vereinheitlichung der Fassade geplant, um diese nach den erforderlichen Ausbesserungsarbeiten sowie einer Stabilisierung der Stahlbetonkonstruktion wieder im repräsentativen, historisch dokumentierten Licht zeigen zu können.  

Die Jahrhunderthalle, das bedeutendste Werk Max Bergs, gilt unter Kunsthistorikern als Schlüsselwerk der modernen Architektur. Erbaut in den Jahren 1911 bis 1913, brachte die Jahrhunderthalle der Stadt Breslau viel Popularität ein. Das Gebäude überstand sämtliche Katastrophen des 20. Jahrhunderts gut. Nach wie vor finden in der Halle zahlreiche politische, kulturelle und sportliche Veranstaltungen statt. 

Seit 1962 steht die Jahrhunderthalle unter Denkmalschutz. Als Beweis für die internationale Würdigung des Bauwerks gilt die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO im Jahr 2006. 

Ausschlaggebend für die architekturgeschichtliche Einzigartigkeit der Jahrhunderthalle ist deren Eisenbeton-Rippengewölbe mit 65 Metern Spannweite. Mit diesen Massen hat die Halle den vom römischen Pantheon über mehr als 2‘000 Jahre gehaltenen Rekord der freitragenden Kuppelweite von 43 Metern geschlagen, wurde jedoch 15 Jahre später von der um das Dreifache leichteren Kuppel der Leipziger Messehalle mit einer Spannweite von 80 Metern übertroffen. Letztere wurde allerdings nicht als Rippengewölbe, sondern als Schalenkonstruktion ausgeführt. 

Neu war die Idee, Sichtbeton als ästhetisches Gestaltungsmittel zu verwenden. Bislang fand dieses Material hauptsächlich in Industriebauten Anwendung. Nach der Auffassung des Architekten sollte die Jahrhunderthalle gleichermaßen als Zweckbau wie auch vielfach zu interpretierendes Zeichen und Symbol wahrgenommen werden. Sie sollte die Kraft und Monumentalität der Konstruktion mit der Aufrichtigkeit und Authentizität im Umgang mit dem neuen Material verbinden.

Zustand der Fassade vor der Instandsetzung 
Nach fast 100 Jahre langer Nutzung unter von Luftverschmutzung gekennzeichneten Umweltbedingungen und wegen fehlender professioneller Konservierung der Bausubstanz befand sich die Fassade der Jahrhunderthalle in einem schlechten Zustand (Abb. 2). Die bereits 1995 durchgeführten Untersuchungen machten die Notwendigkeit der Instandsetzung der in Eisenbeton ausgeführten Fassadenteile offensichtlich. Durch bisheriges Ausbleiben derartiger Reparaturarbeiten wurde eine fortschreitende, in manchen Fällen deutlich beschleunigte Ausbreitung von Betonschäden verursacht: Korrosionsherde mittleren Grades, die sich durch Fehlstellen und weitere Schäden der Betonüberdeckung sowie durch Korrosion der Bewehrung auszeichneten; zahlreiche Risse und Bruchstellen auf der Betonoberfläche; Anzeichen für Oberflächenkorrosion der Betonschicht; mehrere im Laufe der Jahre unsachgemäß durchgeführte Ausbesserungen der Betonoberfläche; Spachtelstellen und andere Ergänzungen von Fehlstellen; Abspaltungen und Risse unter Anwendung von unangemessenen Materialien beziehungsweise unwirksamen, stellenweise sogar kontraproduktiven bis schädlichen Technologien.

Zusammenspiel verschiedener Faktoren ergeben Farbeffekt
Obwohl die Halle den Anschein erweckte, als wäre ihre Fassade niemals gestrichen worden, konnten an vielen Stellen Reste von ursprünglichen Anstrichen ausgemacht werden. Diese goldgelbfarbenen Anstriche, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zu datieren sind, konnten sich an einigen vor atmosphärischen Einflüssen besser geschützten Stellen in gutem Zustand erhalten. Aus den ersten Untersuchungen der ursprünglichen Farbanstriche der Hallenfassade geht hervor, dass es sich dabei um Anstriche ohne organische Zusätze mit silikatischem Bindemittel handelt. Im Bereich der Farbgestaltung treten natürliche Ockertöne in den Vordergrund. Die untersuchten Farbanstriche, die über mehrere Jahrzehnte wechselnder Bewitterung ausgesetzt waren, weisen an zahlreichen Stellen Farbtonveränderungen auf. Im einschlägigen Fachgutachten wurde auf die Tatsache hingewiesen, dass der endgültige Farbeffekt der Fassadenoberfläche durch ein Zusammenspiel von zahlreichen Faktoren zustande kommt. Dabei spielen nicht nur der Farbton des jeweiligen Anstrichs, sondern auch das bei der Betonherstellung verwendete Granulat sowie die Beschaffenheit der Betonoberfläche eine entscheidende Rolle. Festgestellt wurde außerdem, dass bei der ursprünglichen Farbgestaltung der Fassade unterschiedliche Anstrichtechniken zur Anwendung kamen: von relativ dünnschichtigen bis hin zu halbtransparenten Anstrichen. Demzufolge wurde eine Anpassung der aktuellen Anstrichtechnik an die vor mehreren Jahrzehnten verwendeten Verfahren empfohlen.

Betoninstandsetzung
Der eigentlichen Instandsetzung der Betonoberfläche ging ein schonendes Reinigungsverfahren voraus. In einer ersten Phase sollte die gesamte Fassadenfläche auf eine oberflächenschonende Art und Weise abgewaschen und gereinigt, in einer zweiten nur die für die Instandsetzung vorgesehenen Stellen gründlicher gereinigt werden. 

Bei der Instandsetzung kamen eine sachgerechte Behandlung der freigelegten Bewehrungselemente sowie Schadstellenergänzungen zur Anwendung (Abb. 5). Zusätzlich musste dafür gesorgt werden, dass die aus der ursprünglichen Verschalung gegebenen Teilungslinien erhalten blieben. Gleichzeitig sollte eine optimale Anpassung der Oberflächenbeschaffenheit von Reparaturmörteln an die ursprüngliche Betonoberfläche sichergestellt werden. Im Einklang mit den elementaren Grundsätzen der Denkmalrestaurierung galt es, von einer «Idealisierung» der Oberflächentextur abzusehen, damit das gesamte Restaurierungsvorhaben den «Geist» des 100 Jahre alten Objekts spüren lässt. Demnach wurde im Sanierungskonzept empfohlen, im Falle von größeren Fehlstellen beziehungsweise Abplatzungen die Oberfläche in Anlehnung an die umliegenden, vergleichbaren Fassadenbereiche wiederherzustellen und kleinere Fehlstellen wie Auswaschungen der Betonstruktur zu belassen. 

Herausforderungen
Bei der Ermittlung von den bei der Instandsetzung anzuwendenden Lösungen musste eine Reihe von Einschränkungen berücksichtigt werden, wodurch die Architekten, Restauratoren, Sachverständige sowie Handwerker am Bau mit einigen Herausforderungen konfrontiert wurden: mit fehlenden Möglichkeiten für die Anwendung von gängigen Betoninstandsetzungsverfahren; mit einer beschränkten Farbpalette der Betonreparaturmörtel; mit einem kurzen Ausführungszeitraum.

Ungeeignete gängige Betoninstandsetzungsverfahren 
Der historische Charakter des Objektes sowie sein durch die Eintragung in die UNESCO-Weltkulturerbeliste dokumentierter Wert schlossen eine großflächige Spachtelung und anschließende Oberflächenbearbeitung mittels Acrylanstrich aus. Die Anwendung eines derartigen Verfahrens, das bei Brücken, Silos, Schornsteinen, Kühltürmen und ähnlichen Stahlbetonkonstruktionen durchaus angemessen erscheint und praktiziert wird, hätte eine Zerstörung der Monumentalität der Jahrhunderthalle zur Folge. Das Werk war als eine Manifestation der Offenheit und Aufrichtigkeit, die Sichtbarmachung der Verschalungsspuren als ein bewusst gewähltes Gestaltungselement gedacht. Die verwendeten Schalungsbretter wurden denn auch sorgfältig ausgewählt. Dadurch sollte die «unbearbeitete» Oberfläche von Konstruktionselementen ästhetisch-gestalterische Funktionen im Sinne der «Aufrichtigkeit» des Materials erfüllen. Das einzige Argument für einen Acrylanstrich wäre somit dessen Funktion als Karbonatisierungsschutz, was allerdings bei einem beinahe 100 Jahre alten Beton kaum Bedeutung hat, da die Fortschritte des Karbonatisierungsprozesses unbedenklich sind.

Farbgestaltungsvarianten 
Im Architekturprojekt wurden folgende Varianten der farblichen Vereinheitlichung erwogen: a) Beibehaltung der grauen Farboptik der Sichtbetonflächen; b) Oberflächenbearbeitung mittels Farbanstrich unter Anwendung des in den 30er Jahren höchstwahrscheinlich verwendeten goldgelben Ockerfarbtons; c) Beibehaltung der ursprünglichen Sichtbetonoptik mit nachträglicher Färbung der Oberfläche in der Farbtönung des anzuwendenden Vereinheitlichungsanstrichs. Nach Farbtonanalysen sowie weiteren Fachkonsultationen wurde zugunsten der dritten Lösung entschieden. Die Wahl des mineralischen Anstrichsystems auf Sol-Silikatbasis ermöglichte es, die im Vorfeld definierten Anforderungen zu erfüllen:

1. Sehr feine Pigment- und Füllstoffpartikel der Lasurfarbe lassen die ursprüngliche Struktur und Textur der Sichtbetonfläche komplett erhalten. Die dabei erzielten Farbgestaltungseffekte bringen die optische Wirkung und Beschaffenheit der Oberfläche nicht nur vollkommen zur Geltung, sondern unterstreichen sie zusätzlich (Abb. 6). 

2. Die Anwendung von feinschichtigen Lasuranstrichen verleiht der Oberfläche eine «vibrierende» farbliche Wirkung. Die Fassade gewinnt an optischer Tiefe, wirkt alles andere als «flach». Eine derartige farblich «vibrierende», dabei jedoch matte, mineralische Optik lässt die monumentale Ausstrahlung des 100-jährigen Objektes voll zur Geltung kommen.

3. Die geringe wasserdampfdiffusionsäquivalente Luftschichtdicke Sd =  0,02 gewährleistet eine hohe Wasserdampfdurchlässigkeit der Beschichtung und ermöglicht somit eine Wasserdampfabgabe durch die Betonoberfläche von über 1‘000 g/ m2/24 h gemäß EN-ISO 7783-2 (10). Im Zusammenhang mit der Beheizung der Innenräume der Jahrhunderthalle und der daraus resultierenden Wasserdampfdiffusion ist dieser Aspekt zentral. 

4. Die Verwendung eines Bindemittels auf Sol-Silikatbasis, das eine feste Bindung mit dem Untergrund gewährleistet, sowie lichtechter Füllstoffe und Pigmente sprechen für eine dauerhafte Lösung. Die Ausführung von deckenden Anstrichen wäre zweifellos eine zusätzliche Garantie für die Beständigkeit der Beschichtung gewesen, allerdings hätte ein derartiger Anstrich die optischen Anforderungen nicht erfüllen können.

5. Die ausgewählte Lösung (gemäß EN 1062-1) wird hauptsächlich den dekorativen Funktionen und restauratorischen Ansprüchen gerecht. Erwähnenswert ist dabei die Stabilisierung der Betonoberfläche durch Anwendung des Bindemittels auf Sol-Silikatbasis. Gleichzeitig wird das Eindringen von Wasser durch die mit Hydrophobierungsmittel ausgestattete Farbe deutlich reduziert. Somit erfüllt die Beschichtung auch eine Schutzfunktion.

6. Das mineralische Bindemittel auf Sol-Silikatbasis sowie die anorganischen Pigmente und Füllstoffe gewährleisten eine bestmögliche Übereinstimmung mit den ursprünglichen Anstrichen.

Zusammenfassung
Die durchgeführten Fachuntersuchungen, Analysen, Versuche und Entwürfe sowie Erfahrungswerte aus den im Vorfeld ausgeführten Instandsetzungsvorhaben von historischen Betonbauten ermöglichten es, eine Technologie der farblichen Vereinheitlichung der Fassade der Breslauer Jahrhunderthalle zu entwickeln, die alle an das gesamte Vorhaben gestellten Anforderungen erfüllte (Abb. 8). Treffender als mit den spontan formulierten und positiv gemeinten Worten eines am Projekt beteiligten Mitarbeiters lässt sich das Resultat der gelungenen Betonsanierung kaum beschreiben: «Nach der Instandsetzung sieht die Halle nun so aus, als wäre daran überhaupt nichts gemacht worden.» 

Text: Wojciech Laska, KEIM Farby Mineralne, KEIMFARBEN Polen GmbH
Bilder: R. Wójtowicz, R. Dżugaj, P. Kucharski, W. Laska

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