Anspruchsvoller Holzbau

Projekt:
Stadtcasino Basel, Erweiterungsbau 
CH-4051 Basel

Architektur:
Herzog & de Meuron

Holzbauingenieur:
PIRMIN JUNG Schweiz AG 

Ausführung Holzbau:
PM Mangold Holzbau AG

KEIM Produkt:

  • KEIM Lignosil-Color

© Fotos:

  • Ruedi Walti
  • Roman Weyeneth
  • Pirmin Jung

 

Anspruchsvoller Holzbau in neobarocker Sprache

Mit dem Stadtcasino besitzt Basel seit 1876 ein Kleinod, das zusammen mit dem nahe gelegenen Theater, dem Historischen Museum und der Kunsthalle einen kulturellen Hotspot der Stadt bildet. Im Sommer 2020 wurde der renovierte und erweiterte Musiksaal des Stadtcasinos Basel wiedereröffnet. Der Erweiterungsbau von Herzog & de Meuron zeichnet sich durch eine spezielle Holzfassade aus, die sich optisch an die neobarocke Steinarchitektur des 1876 erbauten Gebäudes anlehnt.

Um dem bestehenden Musiksaal mehr Freiraum für die benötigte Raumerweiterung zu verschaffen, wurden diverse Möglichkeiten und Varianten untersucht. Die einzige überzeugende Lösung war, den Musiksaal als autonomen, vom 1939er-Casinobau freigespielten Baukörper zu begreifen. Die Erweiterung musste wie selbstverständlich aus dem historischen Kernbau herauswachsen. So war es wichtig, den Erweiterungsbau in der – zumindest für den flüchtigen Blick – gleichen, neobarocken Sprache zu gestalten. 
Während es sich bei der bestehenden historischen Fassade um ein massives Gemäuer handelt, ist die Fassade des Neubaus aus bautechnischen und energetischen Gründen als gedämmte Stahlbetonwand mit einer hinterlüfteten Verkleidung ausgebildet. Hierfür stellte sich Holz als das geeignetste Material heraus. Die von der Originalfassade übernommenen Geometrien wurden leicht verändert, um den konstruktiven Anforderungen des Naturwerkstoffs gerecht zu werden. 

Natürliches Accoya-Holz im Einsatz
Bereits bei der Erstellung des Musiksaals im 19. Jahrhundert wurden einige Bauteile entgegen ihrer eigentlichen Erscheinung in Holz ausgeführt und dem beabsichtigten gestalterischen Ausdruck entsprechend mit Spachtel, Farbe und Pinsel gestaltet. Zum Beispiel wurde das massiv erscheinende Dachgesims damals zur konstruktiven Vereinfachung vollständig in Holz ausgeführt und im selben Farbton wie die steinerne Fassade gestrichen. An dieser historischen gestalterischen Besonderheit orientierte man sich nun auch bei der Ausgestaltung der holzverkleideten Fassade des neuen Anbaus. Mit der Herausforderung, den Stil des ursprünglichen Hauptgebäudes zu rekonstruieren traten die Architekten von Herzog & de Meuron an die Holzbauingenieure von PIRMIN JUNG Schweiz AG heran. Gemeinsam entschied man sich für Accoya-Holz, ein natürliches Holz, das mittels ungiftigem Acetylierungsverfahren eine beindruckende Dauerhaftigkeit und Formstabilität erhält. Es wird wird aus schnellwachsendem, nachhaltigem Holz hergestellt und verfügt über zahlreiche Nachhaltigkeitszertifikate wie «FSC» und «Cradle to Cradle».

Unverwechselbare Erscheinung
Der Projektleiter bei PIRMIN JUNG, meint dazu: «Accoya-Holz wurde aufgrund der konstruktiven Herausforderung, der formalen Ansprüche der Architektur, der geplanten Details und der geforderten Dauerhaftigkeit gewählt. Seine Formbeständigkeit und Haltbarkeit waren entscheidend. Die Art und Weise, wie Accoya mit Beschichtungen arbeitet und gleichzeitig die unverwechselbare Erscheinung der echten Holzmaserung beibehält, waren spannende Aspekte für dieses einzigartige Projekt.» Accoyas hohe Masshaltigkeit bedeutet, dass sich das Holz kaum bewegt oder aufquellt, auch bei sehr feuchtem Klima. Da sich so keine Spannung an der Oberfläche bildet, halten Beschichtungen nachweislich deutlich länger und brauchen weniger Wartung, als dies bei anderen Holzarten der Fall ist. 

Hervorhebung der Holzstruktur 
18 verschiedene Profile aus Accoya-Holz wurden vom Vertreiber, der Holzpur AG, bereitgestellt und dann vom Holzbauer PM Mangold verbaut. Die Holzverschalung sollte eine Kopie der historischen Fassade darstellen. Deshalb war der konstruktive Holzschutz eine große Herausforderung. Die Architekten ließen schon frühzeitig eine Testwand erstellen, an der zwei Jahre lang die Details und die Farbbehandlung beobachtet werden konnten. Der Test gelang mit der mineralischen, nicht filmbildenden Holzfarbe KEIM Lignosil-Color. Die Holzfarbe wurde industriell dreimal aufgetragen und anschliessend intensiv gebürstet. Vor der Behandlung wurde das Holz intensiv gebürstet. So konnte die Tiefenwirkung der Holzstruktur zusätzlich hervorgehoben werden. 

Das Projekt stellte auch an die beteiligte PM Mangold Holzbau AG große Anforderungen. 8000 Einzelteile in 18 verschiedenen Schalungstypen produzierte das Unternehmen. Jedes auf Maß genau zugeschnitten mit der CNC-Maschine, der Tischkreissäge und der Kehlmaschine sowie von Hand. «Die ganze Palette des Zimmererhandwerks kam zum Einsatz», so Christoph Schneider, Bauführer Holzbau der PM Mangold Holzbau AG. Die Aufgabe war sehr aufwendig, denn die Verkleidung erlaubte keine Bautoleranzen. Die Zimmerleute mussten vor Ort Maß nehmen, zurück im Werk das Brett zeichnen, Daten generieren, zuschneiden, mit Farbe allseitig vierfach (3x im Werk und 1x auf der Baustelle) beschichten und letztlich wieder in Basel montieren. 

Fassade mit Überraschungseffekt 
Die Unterkonstruktion der Erweiterung ist eine 35 cm starke Betonwand mit 28 cm Steinwolle gedämmt. Die darauffolgende Unterkonstruktion für die äußere Schalung übernimmt das Fugenbild der historischen Fassade. Jedes Steinband ist mit drei Holzbrettern nachgebaut, die miteinander verleimt oder verschraubt sind. «Die Fensterlaibungen konnten wir erst nach der Montage der Fenster einmessen, vor Ort anpassen ging nicht, weil die Schnittstellen farbbehandelt sein mussten», erklärt Christoph Schneider. 

Das von den Architekten wie auch der Denkmalpflege gewählte mineralische Farbmaterial spielt für den Ausdruck und die Dauerhaftigkeit einer bewusst steinern wirkenden Holzfassade eine entscheidende Rolle. Mit KEIM Lignosil wurde ein mineralisch-nachhaltiges Material ohne bioziden Filmschutz verwendet, das offenporig ist und Feuchtigkeit beim Austritt in keiner Weise behindert. Mit dieser Art der mineralischen Beschichtung kommt auch dem Bauholz jener Schutz zu, den es als dauerhaft und natürlich-schön gestaltetes Fassadenholz aus architektonischer, ästhetischer und ökologischer Selbstverständlichkeit heraus verdient. Absicht der Architekten war es, den Anbau mit einem «interessanten» und «überraschenden» Element zu versehen. Aus der Entfernung nimmt man beim Anblick der matten und mineralisch-leuchtenden Fassadenoberfläche eine unaufgeregte Ähnlichkeit zur bestehenden historischen Steinfassade wahr. Erst beim Nähertreten erschliesst sich der natürliche, nachhaltige Ursprung des neuen Erweiterungsbaus deutlicher: Hier handelt es sich nicht um ein Steingemäuer, sondern um eine remineralisierte Holzverkleidung. Die Überraschung ist perfekt.
 

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