St. Martins Apotheke

Ein Blick hinter die Fassade...

 

Objektbeschreibung:
Fassadensanierung einer Apotheke in Wangen im Allgäu.

Eingebettet in die Voralpenlandschaft des Westallgäus liegt die Kleinstadt Wangen im Allgäu. Im Herzen der denkmalgeschützten Altstadtmauern, direkt am Wangener Saumarkt, steht die St. Martins Apotheke. Die Besitzer, Dr. Andreas Röhrle und Familie, haben weder Mühen noch Kosten gescheut, um das Kleinod aus der Jahrhundertwende zu restaurieren.

Historische Bauwerke und gewachsene Stadtkerne geben Zeugnis von der Kultur früherer Epochen und prägen zugleich das Erscheinungsbild der Gegenwart mit. Die Anziehungskraft alter Städte - als Orte der Identifikation und Erinnerung - ist ungebrochen und nimmt eher noch zu. Die Notwendigkeit des Denkmalschutzes steht außer Zweifel – dennoch dürfen Auflagen und Bestimmungen aus einer Altstadt kein Museum machen; hier muss gelebt, gearbeitet - und gebaut werden dürfen. Der Umgang mit historischer Bausubstanz ist ein ständiger Prozess der Aneignung und Erneuerung, des Erhaltens und Gestaltens.
Ein gewisses Maß an Gestaltungsfreiheit erbaten sich die kunstsinnigen Eigentümer bei der Restaurierung ihrer denkmalgeschützten Apotheke. Ihr Anliegen war es, den wesentlichen Charakter des Hauses herauszuarbeiten und zu bewahren, und dabei gleichzeitig eigene Vorstellungen zu verwirklichen.

Die St. Martins Apotheke hat eine wechselvolle (Bau)Geschichte. Abweichend vom spätgotischen Bestand, wurde das Gebäude 1906 im Jugendstil, mit zahlreichen klassizistischen Applikationen, auf alten Fundamenten neu gebaut. Albert Röhrle, der Großvater des jetzigen Eigentümers, erwarb das Haus im Jahr 1931 und eröffnete im Erdgeschoss eine Apotheke. Ende der 30er Jahre erklärten die Nazis den Jugendstil zur entarteten Kunst und dieser unseligen Zeit entsprechend mussten die Jugendstilelemente des Bauwerks per Dekret abgeschlagen oder überputzt werden. Anfang der 50er Jahre wurde ein Sockelrelief des bekannten Wangener Künstlers Josef „Pepi” Braun angebracht, das einerseits den Namensgeber der St. Martins Apotheke darstellt, und andererseits die Schutzpatrone von Arzt und Apotheker, nämlich Cosmas und Damian. 1993 erfolgten die ersten größeren Umbaumaßnahmen der jetzigen Besitzer mit Hilfe des altstädtischen Sanierungsprogramms: Eine Korrektur der baulichen „Erbsünden” an der Rückseite des Gebäudes und ein völliger Um- und Ausbau des Dachgeschosses. 1999 wurde ein Innenumbau der Apotheke im Erdgeschoss im Stil einer zu erwartenden Außensanierung in Auftrag gegeben.

Mit der Planung der Fassadenrenovierung begann eine fast dreijährige Auseinandersetzung mit dem Denkmalamt und der Stadt. Die Röhrles hatten nämlich ganz eigene Ideen in Bezug auf die Farbgestaltung ihrer Apotheke. Gemeinsam mit einer befreundeten Künstlerin entwickelten sie die Vorstellung, das Gebäude in einem kräftigen Rot zu fassen. „Neben einer persönlichen Vorliebe für die Farbe Rot ging es uns auch darum, mit der Farbigkeit den Bruch in der Architektur zu verdeutlichen”, erklärt Dr. Röhrle die Hintergründe des Farbkonzepts. „In großem Respekt vor der bestehenden Bausubstanz haben wir uns bemüht, Altes zu erhalten und qualitätvoll Neues zu gestalten. Die historisierende Käseglocke lehnen wir ab.” Unterstützt und fachlich beraten wurden sie dabei von Restaurator Reinhold Leinmüller und KEIM Fachberater Markus Schneider. „Ursprünglich war die Fassade türkisgrün gefasst und auf eben diese Farbigkeit bestanden Stadt und Denkmalpflege”, erläutert Markus Schneider. „Allerdings stammt das Gebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende und fällt somit aus dem spätgotischen Bestand. Man kann sich ebenso gut auf eine Farbgebung im Zeitgeist des Jugendstils wie des Klassizismus berufen.”
Die Bürgermeisterwahlen im Jahr 2001 brachten die entscheidende Wende: Der neue Bürgermeister stand dem ungewöhnlichen Farbkonzept aufgeschlossen gegenüber, vielleicht auch, weil er erkannte, mit wie viel Feingefühl und Einsatz die Renovierungsmaßnahmen der Apotheke bis dato geplant und ausgeführt worden waren.

2005 konnte mit der Sanierung und farblichen Neugestaltung der Vorder- und Rückseite der Fassade nach den Vorstellungen der Eigentümer begonnen werden. Grundlage der Fassadenrestaurierung war die Untergrundprüfung. Hierbei wurde festgestellt, dass die gesamte Fassade in den 40er Jahren mit einer Kunstharzbeschichtung versehen worden war, die klimatechnisch in etwa wie eine Plastikfolie wirkte. Dieser alte Farbanstrich musste mechanisch von der gesamten Fassadenoberfläche entfernen werden. Aufwändige Ornamente und Kassetten wurden freigelegt und zahlreiche Stuckelemente wie Vasen, Rosetten oder Blumen von einem Wangener Stuckateurbetrieb nach historischem Vorbild neu aufgebaut. Der Untergrund erhielt eine Grundierung mit KEIM-Contact-Plus, anschließend eine zweimalige Beschichtung mit KEIM Granital in zwei verschiedenen Rottönen. Zudem wurde die für diese Gegend ungewöhnliche Fassadenquaderung rekonstruiert. Einige wenige Applikationen betonte man durch einen dezenten ockerfarbenen Anstrich. Der Erker wurde farbig abgesetzt, ohne ihn jedoch zu sehr hervorzuheben. Sein krönender Abschluss ist eine farbig gefasste Vase mit Früchten. Die Fertigung dieses Elements nach historischer Vorlage gab man bei einem französischen Stuckateur in Auftrag, die farbige Fassung übernahm der Ravensburger Restaurator Bernhard Leinmüller.

Was lange währt wird endlich gut – dies gilt auch für die Fassade der St. Martins Apotheke! Nach der gelungenen Fertigstellung kamen die Wangener Bürger in Scharen, um das Gebäude zu besichtigen. „Die Sanierung insgesamt und unser Farbkonzept im Besonderen wurden durchweg mit großer Begeisterung angenommen! Noch immer haben wir jede Woche ein bis zwei Besucher in unserer Apotheke, die eigentlich nur kommen, um die schöne Fassade zu loben und nach der Farbe zu fragen”, schmunzelt Dr. Röhrle. „Und dabei meist doch eine Schachtel Kopfschmerzmittel oder Hustenbonbons mitnehmen...”

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