Restaurierung und Kreation

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Zwischen Restaurierung und Kreation

Objektbeschreibung:
Sanierung und Umbau des Hauptbahnhofs in Breslau 2010-2012.

Stations-Gebäude der Oberschlesischen und Breslau-Posen-Glogauer Eisenbahn zu Breslau - diesen stolzen Namen trug das nach einem Entwurf von August Rosenbaum in den Jahren 1841-1842 errichtete klassizistische Gebäude, das den Anfang der langen Geschichte der Eisenbahn in der niederschlesischen Metropole markiert. Nach der Übernahme der regionalen Eisenbahngesellschaft durch den preußischen Staatsapparat erhielt der königliche Architekt Wilhelm Grapow den Auftrag, einen neuen Bahnhof zu bauen. In den Jahren 1855-1857 entstand das langgestreckte (180 m) schloßähnliche Gebäude. Der symmetrisch angelegte Baukörper gliederte sich in zwei- bis dreigeschossige Pavillons, die durch zweigeschossige Flügelbauten verbunden wurden. Das im neugothischen Stil gehaltene Hauptgebäude wurde von zwei Uhrentürmen flankiert. Zahlreiche Strebepfeiler mit Fialen, zinnenbekrönte Mauerabschlüsse sowie Fenster mit Tudorbögen ließen die englische Spätgothik als Inspiration deutlich erkennen.

Als um die Jahrhundertwende die Intensität des Reiseverkehrs in Preußen stark zunahm und Breslau die Rolle eines wichtigen Zwischenstopps für zahlreiche nach Hamburg und von dort aus in die USA reisenden Osteuropäer übernahm, wurde eine Umgestaltung und Erweiterung der bestehenden Bahnhofsinfrastruktur unumgänglich. Im Zuge der Neugestaltung (1899-1907) wurde die ursprüngliche Bahnsteighalle komplett abgerissen und durch eine großräumige Schalterhalle ersetzt. Südlich vom bisherigen Bahnhofsgelände entstand ein moderner Komplex von fünf Bahnsteigen, dreizehn Gleisen sowie fünf Unterführungen. Die gesamte Anlage wurde mit einer vierschiffigen Stahl-Glaskonstruktion überdacht. Das neue Bahnhofsgebäude bildete eine Synthese von neugothischem Stil mit Jugendstilelementen. Die Innenräume der Empfangs- und Schalterhallen wurden mit Wandmalereien verziert. Besonders prunkvolle Ausstattung in Form einer mit kaiserlichen Wappen verzierten Kasettendecke erhielt der südliche Teil des Ostpavillons, der speziell für den Besuch des Kaisers Wilhelm II. im Jahre 1906 neu gestaltet wurde.

Nach dem 1. Weltkrieg wurde das Bahnhofsgebäude nur geringfügig umgebaut, in den 20er Jahren erfolgte allerdings eine komplexe Fassadensanierung. Von den Zerstörungen des 2. Weltkriegs weitgehend verschont, wurde der Hauptbahnhof der nunmehr polnischen Stadt Wrocław nach 1945 zweimal gründlich erneuert (1960 und 1970). Seit 1966 steht das Objekt unter Denkmalschutz. Die turbulenten Anfangsjahre der aufstrebenden jungen Marktwirtschaft nach 1989 bescherten dem Bahnhofsgebäude einen regelrechten Wildwuchs an großflächigen Werbeschildern und -plakaten, die nicht nur die historischen Fassaden, sondern auch den fortschreitenden Verfall der Bausubstanz verdeckten.

Modernisierung 2010 - 2012
Das oberste Ziel der im Zeitraum zwischen März 2010 und Juni 2012 ausgeführten Komplettsanierung des Bahnhofskomplexes war die Instandsetzung und Neugestaltung des gesamten Gebäudeensembles und eine Erneuerung der für den Bahnbetrieb notwendigen technischen Infrastruktur. Die Arbeiten sollten unmittelbar vor dem Beginn der u.a. in Breslau ausgetragenen Fußball-EM im Juni 2012 abgeschlossen werden. Nach der in den Jahren 1899-1907 durchgeführten Erweiterung sollte dies die umfangreichste Modernisierung in der Geschichte des Bahnhofskomplexes werden. Der Umfang der geplanten Maßnahmen sowie der ununterbrochene Eisenbahnbetrieb (lediglich das Hauptgebäude und die Schalterhalle wurden für den Fahrgastbetrieb komplett gesperrt) führten dazu, daß die denkmalpflegerischen Aspekte dem äußerst ambitionierten Zeitplan der baulichen Maßnahmen untergeordnet werden mussten. Obwohl dies eine systematische Untersuchung und komplette restauratorische Bestandsaufnahme des Objektes zum Teil verhinderte, standen sämtliche Instandsetzungsarbeiten unter strengen denkmalpflegerischen Auflagen. Zahlreiche Innenräume und Raumkomplexe wurden durch teilweise gravierende Umbaumaßnahmen neuen Nutzungsformen zugeführt bzw. angepaßt. Dabei wurden alle Eingriffe in die historische Substanz durch konsequente Anwendung von spezifischen Baumaterialien (Glas, Stahl, Beton) oder entsprechende Farbgestaltung und Formgebung markiert.

Zu Beginn der Instandsetzungsmaßnahmen lag keine umfassende denkmalpflegerische Bestandsaufnahme des Objekts vor, sodass zahlreiche Untersuchungen im Laufe der Baumaßnahmen durchgeführt werden mussten. Dabei handelte es sich um stratigraphische Putzuntersuchungen mit Klärung der Schichtenabfolge sowie eine Analyse der historischen Anstriche von Wänden, Decken sowie kleineren Bauteilen. Dank dieser Befunde ließ sich sowohl die historische Farbgebung, als auch eine Vielzahl an ursprünglichen Wand- und Deckenmalereien bestimmen. Zu den wertvollsten Fundstücken gehörten dekorative Malereien im Erdgeschoß, Deckengemälde im sog. Kaisersaal sowie die Ausstattung des ehemaligen Präsidialappartements im Westpavillon.

Die Restaurierungsmaßnahmen umfassten das gesamte Gebäudeensemble sowie die Bahnsteig- und Gleisinfrastruktur. Umfangreiche Arbeiten mussten an allen Fassaden durchgeführt werden. Auch die Innenräume wurden einer komplexen Sanierung unterzogen. Dabei spielten die leider nur spärlich vorhandene Dokumentation des Breslauer Bauarchivs und die erhaltenen Zeichnungen von Wilhelm Grapow eine unüberschätzbare Rolle.

Mit einer Herausforderung besonderer Art wurden die Restauratoren im Zuge der Wiederherstellung der Farbfassung vom Hauptgebäude mit der Schalterhalle konfrontiert. Die Untersuchungsbefunde ließen keine Zweifel darüber, daß die historische Farbgebung von einem intensiven Orangeocker geprägt war, allerdings konnte auf Grund der äußerst wenigen erhaltenen Putz- und Farbschichten die genaue Farbfassung zahlreicher Details (wie Balustraden, Maßwerke, Zinnen) kaum ermittelt werden. Im Zuge zahlreicher mit vielen historischen und ästhetischen Argumenten unterlegten Debatten sowie nach der Ausführung von zwei großflächigen Probeanstrichen wurde eine Kompromisslösung gefunden, wonach der im Neugestaltungsentwurf ursprünglich vorgesehene moderate graublaue Farbton vom historischen Orangeocker abgelöst wurde, während die Details einen hellbraunen Ton erhielten und der Zinnenkranz im Farbton braunocker gefasst wurde. Das Endergebnis der Sanierungsarbeiten lässt keine Zweifel über die Richtigkeit dieser Entscheidung aufkommen - die Wiederherstellung der historischen Farbgestaltung verleiht dem Objekt eine besondere Ausdruckskraft.

Auch die Restaurierung bzw. Rekonstruktion zahlreicher Innenräume ließ den Hauptbahnhof im neuen, wenn auch historischen Glanz erstrahlen. Die restaurierten Warteräume vermitteln den einzigartigen Eindruck einer Zeitreise in das ausgehende 19. Jh. Besonders spektakuläre Befunde lieferte jedoch die eingehende Untersuchung des Interieurs des Ostpavillons, wo im sog. Kaisersaal dekorative Malereien auf der erhaltenen Kasettendecke entdeckt wurden. Diese Wappen der preußischen Provinzen entstanden höchstwahrscheinlich zum Anlass des bereits erwähnten kaiserlichen Besuches von 1906. Auch der im zweiten Stock des Mittelpavillons befindliche große Sitzungssaal, der mit Abstand prunkvollste Raum des gesamten Bahnhofs, konnte durch aufwendige restauratorische Maßnahmen dem historischen Glanz zugeführt werden.

Die umfangreiche Sanierung des Breslauer Hauptbahnhofs ließ auch so manches Ausstattungselement aus den späteren Umgestaltungsphasen nicht unberücksichtigt. Bemerkenswert ist beispielsweise die Wiederherstellung der Neonbeleuchtung der Hauptfassade und der Schalterhalle aus den 60er Jahren, die es mittlerweile zu Kultstatus gebracht hat.

Text:
Piotr Wanat (Restaurator),
Krzysztof Ziental (Kunsthistoriker)

 

Beteiligte:

Bauherr
PKP SA - Polnische Staatsbahn AG

Architekturbüro
GRUPA 5 Architekci Sp. z o.o.

Generalunternehmer

BUDIMEX SA

Investitionsaufsicht
ARCADIS Sp. z o.o.

Restaurierungsarbeiten
PBK CASTELLUM Sp. z o.o.

Denkmalpflegerische Aufsicht
Städtische Denkmalpflege Breslau/Wrocław

Weitere Referenzen

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