Für Bücher und Menschen

Objektbeschreibung:
1919 gründete der Architekt Walter Gropius in Weimar das Bauhaus als Gestaltungsschule mit der Vision eines Zusammenwirkens von Architektur, Kunst, Handwerk und Industrie. Das Bauhaus führte die größten Architekten und Künstler seiner Zeit zusammen und nimmt als moderner Mythos in der Architektur- und Designgeschichte des 20. Jahrhunderts eine herausragende Rolle ein.
Für die Bauhaus-Universität zu bauen ist gewiss eine besondere Herausforderung - bei all dem Anspruch, den man mit diesem Namen assoziiert. Meck Architekten aus München stellten sich mit dem neuen Bibliotheks- und Hörsaalgebäude der Bauhaus-Universität dieser Herausforderung und meisterten sie souverän.

Städtebauliche Einordnung
Für ein Brauereiquartier am berühmten, zentral gelegenen Frauenplan lobte die Stadt Weimar Anfang der neunziger Jahre einen städtebaulichen Ideenwettbewerb aus, den die Architekten für sich entscheiden konnten. Sie schlugen vor, das Areal in Teilen zu entkernen, zu öffnen und durch Bebauung neu zu ordnen. Die Nutzung des Blocks blieb lange Zeit unklar; als Pläne für ein Kongresszentrum scheiterten, weil der Investor aufgab, wandte sich die Stadt an die Bauhaus-Universität, die dringend Räumlichkeiten suchte. So entstand in unmittelbarer Nachbarschaft zur alten Universität ein neuer Campus mit einem Bibliotheks- und Hörsaalgebäude, das mehrere über die Stadt verteilte Teilbibliotheken zusammenfasst.

Räumliche Vielfalt
Der zweiflügelige Bau passt sich wie selbstverständlich in die von vier Straßen eingefasste heterogene Bebauungsstruktur ein und vermittelt zwischen den dreigeschossigen Wohnbauten am Frauenplan und einem gründerzeitlichen Brauereigebäude aus Backstein. Der Gebäudekomplex gliedert sich in das Hauptgebäude und einen einhüftigen Verwaltungstrakt; ein Zwischenbau verzahnt beide Bereiche und verbindet die beiden unterschiedlichen Eingangsebenen über eine Freitreppe.
Der schlanke Hauptflügel mit Bibliothek und Hörsaal begrenzt einen Platz im Innern des Quartiers. Der spitzwinklig zum Hauptflügel verlaufende schmale Büroriegel schließt die südöstliche Ecke des Areals und flankiert einen weiteren Hof mit Durchgang zum Frauenplan. Das Gefälle von rund vier Metern von Süden nach Norden nutzten die Architekten, um großzügige Eingangssituationen und Foyers für Bibliotheks- und Hörsaalgebäude zu schaffen.
Die Bibliothek ist das Kernstück des Gebäudes. Komplett mit massivem Eichenholz ausgekleidet, ist sie als hölzernes Modul in die massive Gesamtraumschale eingestellt und eine Reminiszenz an die ausgebrannte Anna-Amalia-Bibliothek. Das unbehandelte, dezent gemaserte Holz, ein schlichter Zementestrichboden und qualitätvolle architektonische Details dienen der anregenden und konzentrierten Arbeitsatmosphäre. Eine einläufige Treppe erschließt die fünf Ebenen und teilt die Räume in zwei Bereiche, den Freihandbereich und den Lesebereich mit abgetrennten Lesezimmern. Diese „Carrells“ öffnen sich durch Glaswände zum Treppenraum und werden so Teil des Ganzen. Transparenz und Offenheit sind Hauptthemen des Meck’schen Entwurfes. Die Architektur bietet vielfältige Ausblicke und Durchblicke sowohl innerhalb des Gebäudes, als auch zur Stadt hin. Im Innern dienen die Sichtbezüge der Orientierung und ermöglichen es den Besuchern, sich in dem komplexen Bau ohne große Hilfe zu Recht zu finden. Schon am Eingang erklären sich auf einen Blick die Funktionen des Hauses. Die Wegeführung ist geradezu zwingend, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Gebäudes, das sich zudem auf vielschichtige Weise seiner Umgebung öffnet: Eine Erschließung ist von allen vier Seiten möglich.

Farbe und Material
Durch seine moderne Formgebung grenzt sich das Bibliotheksgebäude deutlich vom historischen Bestand ab und nimmt mit der Fassade dennoch Bezug zur lokalen Bautradition. Weimars Stadtbild ist geprägt von verputzten Fachwerkhäusern, deren konstruktive Schichtung an der homogenen und dennoch lebendigen Oberfläche der Hülle zu erkennen ist. Analog hierzu erhielt die Betonfassade des Neubaus eine bewusst ungleichmäßige, händisch nachgearbeitete Außenhaut. Der Bau ist komplett in Stahlbeton realisiert und zwar ohne jede Anforderung an die Oberflächenqualität. Ungeachtet des Reinheitsgebots der Beton-Puristen wurde die rohe Fassade gespachtelt, verschliffen und anschließend in einem für Weimar typischen dunkelgrauen Farbton lasiert. Es entstand eine lebendige Haut mit Unregelmäßigkeiten und Texturen, welche die Handschrift des "Machens" im doppelten Sinne trägt: Das Gießen des Betons ist ebenso ablesbar wie die Handschrift des Handwerkers beim Nachbearbeiten.
Die transparente Wirkung der Lasurtechnik verstärkt die plastische Struktur des Untergrundes, während der graue Farbton den kontextuellen Bezug unterstreicht. Die Lasur auf silikatischer Basis stammt aus dem Hause Keimfarben und besticht durch ihre mineralisch-matte Oberfläche.
Die Farbtöne im Innern sind Reminiszenzen an die Bauhaus-Architektur und ihre Farbigkeit: Die Wandflächen sind Kante an Kante dunkelgrau und weiß gestrichen, braunrot beschichtete Trennwände und Türen setzen Akzente. Auch hier lieferte Keim die passenden Beschichtungsmittel auf Silikatbasis. Keim Biosil ist eine hochwertige Innenfarbe, die durch ihre hohe Diffusionsfähigkeit für ein ideales Raumklima sorgt und ökologisch völlig unbedenklich ist.
Sämtliche Malerarbeiten wurden von der Firma „Bergener“ aus Niederorschel ausgeführt, einem Betrieb mit mittlerweile 36 Mitarbeitern, darunter drei Meistern.
Der Bau hat eine Nutzfläche von 4.300 Quadratmetern, wovon ein Großteil die Bibliothek mit ihren 3.800 Quadratmeter für 240 Nutzerarbeitsplätze und annähernd einer halben Million Bänden in Anspruch nimmt.

Mit dem neuen Universitäts- und Hörsaalgebäude ist Weimar um ein Stück richtig guter Architektur reicher. Hier wurde zeitgenössische, vernünftige, elementare Baukunst verwirklicht, die sich weder populistisch andienen will, noch als sperrige Avantgarde profilieren muss.

 

Bibliotheks- und Hörsaalgebäude Weimar
Steubenstraße, 99423 Weimar
 
Beteiligte:

Bauherr
Freistaat Thüringen,
vertreten durch das Staatsbauamt Erfurt

Architekten
Andreas Meck (meck architekten), München
und Stephan Köppel (Phase 1 mit 4)

Wettbewerb Städtebau 1. Preis, 1991: Andreas Meck
Mitarbeit: Volker Hauth
www.meck-architekten.de

Projektleiter

Werner Schad

Projektteam
Bernd Bayer, Susanne Frank, Christoph Engler, Maximilian Rimmel, Uli Schwarzburger, Wolfgang Amann, Peter Sarger

Bauleitung
Gildehaus.reich.architekten, Weimar
www.gildehausreich.de

Malerarbeiten
Reinhard Bergener, Niederorschel
www.bergener-der-maler.de

Weitere Referenzen