Produkt:

  • KEIM Lignosil®-Inco

Bauherr
Campus 360 GmbH, Darmstadt

Architekten 
haascookzemmrich STUDIO2050, Stuttgart 

Projektleitung
Grünzig Ingenieurgesellschaft mbH, Bad Homburg 

Tragwerksplanung
Knippers Helbig GmbH, Stuttgart 

Energieplanung
Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart 

Lehmbau 
Lehm Ton Erde Baukunst GmbH, Schlins, Österreich 

Holzbau
Firma Grossmann, Rosenheim

Holzfassade
Sieveke GmbH, Lohne

Fotos: 

  • Alnatura, Olaf Wiechers/Troldtekt
  • Roland Halbe Architekturfotografie

Bauen für Menschen
Der neue Alnatura-Firmensitz in Darmstadt

Wo früher Kasernen und Panzerhallen der Kelley Barracks standen, entsteht mit dem Alnatura Campus ein einzigartiger „Arbeits-, Lern-, Erholungs- und Begegnungsort“ mit Büros, Waldorfkindergarten, vegetarischem Bio-Restaurant sowie zahlreichen Pacht- und Erlebnisgärten.

„Sinnvoll für Mensch und Erde“
Das Herz des Campus ist die Alnatura Arbeitswelt – eine offene Bürolandschaft für bis zu 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dieses Gebäude ist ganz ohne Zweifel ein ökologisches Statement. Doch nicht nur das: Entsprechend der Unternehmensphilosophie „Sinnvoll für Mensch und Erde“ waren Nachhaltigkeit, Transparenz und soziale Unternehmenskultur selbstverständliche Vorgaben für die Entwicklung der neuen Verwaltungszentrale. 
Eine weitere Besonderheit: Das Bürogebäude ist aus Lehm gebaut. Mit einer Bruttogeschossfläche von 13.500 Quadratmetern ist es Europas größter Lehmbau. Für diese komplexe Bauaufgabe holte sich das beauftragte Architekturbüro haascookzemmrich STUDIO2050 aus Stuttgart renommierte Fachplaner für Statik, Klima und Lehmbau dazu.

Innovativer Lehmbau
Wer mit Lehm baut, kommt an dem Vorarlberger Lehmbaupionier Martin Rauch nicht vorbei. Speziell für dieses Projekt entwickelte er ein zweischaliges Stampflehmfertigteil mit einer innen liegenden, 17 Zentimeter starken Kerndämmung aus recyceltem Glasschaumgranulat. In Zusammenarbeit mit Transsolar Energietechnik entstand daraus ein geothermisches System für Wandheizung und Direktkühlung. In den Lehm eingelassene Heizschlangen mit geothermisch temperiertem Wasser erwärmen oder kühlen die Wandflächen, die auch als passive Temperaturspeicher fungieren.

Insgesamt steckt in der Bauweise viel Experimentierlust, auch seitens des Bauherrn und Alnatura-Chefs Götz Rehn: „Ich mache laufend Sachen, von denen ich nicht weiß, ob sie funktionieren.“ Die Idee zum Beispiel, die Mitarbeiter zur Belebung des Teamgeistes vor Ort selbst Lehm stampfen zu lassen, konnte wegen der anspruchsvollen Herstellung dann doch nicht umgesetzt werden. Also brachte Martin Rauch erfahrene Handwerker und eine von ihm selbst entwickelte Stampflehmmaschine aus Österreich mit. In der wurden der nasse Lehm und die Dämmschichten zu Blöcken gepresst und geschnitten. Für den Aufbau verwendete man lokales oder regionales Material wie Lehm aus dem Westerwald, Lavaschotter aus der Eifel und Tunnelaushub von Stuttgart 21. Rauch hatte zufällig im Vorbeifahren gesehen, welches Potenzial in der gigantischen Baugrube der Baden-Württembergischen Hauptstadt schlummert: „Daraus hätte man ganze Städte bauen können.“ 
Für die Arbeitswelt wurden insgesamt 384 Stampflehmblöcke an der Nord- und Südseite des Gebäudes zu 16 je zwölf Meter hohen, selbsttragenden Wandscheiben geschichtet. Horizontal ist die Fassade mit den einzelnen Geschossdecken und dem Dach gekoppelt, dadurch können Einwirkungen wie Wind und Erdbeben ohne eine zusätzliche aussteifende Konstruktion sicher abgetragen werden. Erosionsbremsen aus Ton und Trasskalk an den Außenwänden wirken der Oberflächenerosion entgegen und halten die Oberflächen frei von Algen- oder Moosbildung, ein Reinigungs- oder Pflegeaufwand der Fassade entfällt. 

Offenes Arbeiten
Auch das Innere des Gebäudes überrascht: Die komplett verglasten Stirnseiten und ein durchlaufendes Fensterband auf der nördlichen Dachseite bringen viel Helligkeit in den für Tageslicht optimierten Innenraum. Der Bauherr wünschte sich eine offene Arbeitsatmosphäre ohne Trennwände zwischen Abteilungen und Hierarchien. Dank dieser Vorgabe gibt es keine abgeschlossenen Büros und Bereiche oder langen Gänge – ein großer Raum zieht sich vom Erdgeschoss bis unters Dach. Die Arbeitsplätze verteilen sich auf vier geschwungene Galerien um ein Atrium, der Übergang zwischen öffentlichen und internen Bereichen ist fließend. Offene Treppen und Stege verbinden die Ebenen und bereichern das räumliche Erlebnis, schaffen aber auch besondere akustische Herausforderungen. Gegen den Hall arbeitet eine Vielzahl akustisch wirksamer Materialien: die Stampflehmwände mit ihrer offenporigen Struktur ebenso wie in die Massivbetondecke eingelassene Absorberstreifen aus Schaumbeton oder die dämpfenden Holzverkleidungen an Decken, Wänden und rund um die Fenster. Auch die Ausstattung – mit Teppichböden, Sofas und raumhohen dreilagigen Akustikvorhängen – unterstützt eine angenehme Akustik und sorgt für ruhige Arbeits- und Konferenzbereiche.

Ökologische Baustoffe
Natürliche, emissionsarme und recycelbare Baumaterialien verhelfen dem Gebäude zu einer guten Ökobilanz und tragen zu einem rundum gesunden Arbeitsumfeld bei. Lehm ist schadstofffrei und absorbiert darüber hinaus Schadstoffe und Gerüche aus der Raumluft und neutralisiert sie. Außerdem hat Lehm die Fähigkeit, Wasser sehr schnell aufzunehmen und wieder abzugeben und reguliert so auf natürliche Weise das Raumklima. Neben Lehm und Glas ist Holz der wichtigste Baustoff im Innenraum. Die sichtbaren Holzoberflächen der Deckenkonstruktion und -verkleidung wurden weiß lasierend beschichtet und bilden eine ruhige, unaufgeregte Kulisse für die lebendige Bürolandschaft. 
Im Sinne des ökologisch-nachhaltigen Gesamtkonzepts lag ein diffusionsoffener Anstrich mit der mineralischen Holzfarbe KEIM Lignosil-Inco DL auf der Hand. Damit behandeltes Holz behält seine natürlichen hygroskopischen Eigenschaften und trägt so zu einem angenehmen Raumklima bei. Hinzu kommt die generelle gesundheitliche Unbedenklichkeit des Farbauftrags, der auch strengsten baubiologischen Anforderungen standhält, seine mineralisch-matte, farbtonstabile Optik und nicht zuletzt die überzeugende Wirtschaftlichkeit. 

Zertifiziert nachhaltige Gestaltung
Dank der verwendeten Materialien, der durchdachten Konstruktion und einer Planung unter Einbeziehung der klimatischen Bedingungen vor Ort ist der Energieverbrauch des Neubaus sehr gering. Dabei setzten die Architekten insgesamt auf eine eher reduzierte Technik. Belüftet wird das Gebäude mit Frischluft, die über Erdkanäle und natürliche Thermik aus dem angrenzenden Wald eingeleitet wird, die Belichtung erfolgt weitgehend über Tageslicht. Die auf dem Dach installierte Photovoltaikanlage deckt den Strombedarf, Wasser für die sanitären Anlagen und für die Bewässerung der Außenflächen liefert eine 1.000 Kubikmeter fassende Regenwasser-Zisterne.
„Es war uns wichtig aufzuzeigen, dass unser Ansatz keinen architektonischen Verzicht bedeutet, sondern ein belebendes Element in der Entwicklung von neuen Entwurfsansätzen sein kann,“ erklärt Architekt Martin Haas von haascookzemmrich STUDIO2050. „Die Alnatura-Arbeitswelt folgt den Grundsätzen einer ganzheitlichen, nachhaltigen Architektur, was sich unter anderem in der DGNB-Zertifizierung in Platin ausdrückt.“
Diese Zertifizierung erreichen nur besonders umweltfreundliche, ressourcenschonende und funktionale Bauten, die sich vorbildlich in ihr soziokulturelles Umfeld integrieren. Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB: „Das DGNB-Zertifikat in Platin ist der beste Beleg dafür, dass Alnatura mit der neuen Arbeitswelt ein zukunftsorientiertes, qualitätsvolles Gebäude geschaffen hat. Die Umwelt und die Menschen stehen genauso im Fokus wie die langfristige Wirtschaftlichkeit.“

Text: Susanne Mandl

Weitere Referenzen

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