Die Geschichte einer bahnbrechenden Idee

Die im 19. Jahrhundert aufkommende chemische Industrie begann ab zirka 1850 gezielt Farben zu entwickeln und synthetische Pigmente herzustellen. Betreffend Bindemittel gilt die Silikattechnik als einzige wirkliche Neuerung des 19. Jahrhunderts und als Beginn der Mineralfarbentechnik.

Was Johann Wolfgang von Goethe, König Ludwig I. von Bayern und den Handwerker und Forscher Adolf Wilhelm Keim verbindet

Schon im Mittelalter war das Bindemittel der Keim'schen Mineralfarben, das flüssige Kaliumsilikat, als "Liquor Silicium" bekannt. Es fehlten jedoch gute Produktions- und Anwendungsmöglichkeiten. Grosse Hoffnungen setzte im Jahr 1768 Johann Wolfgang von Goethe auf seine Versuche mit Wasserglas. Im achten Buch von "Dichtung und Wahrheit" schreibt er: "Was mich aber eine ganze Weile am meisten beschäftigte, war der sogenannte Liquor Siicium, welcher entsteht, wenn man reine Quarzkiesel mit einem gehörigen Anteil Alkali schmilzt, woraus ein durchsichtiges Glas entspringt, welches an der Luft zerschmilzt udn eine schöne, klare Flüssigkeit darstellt..." Doch Goethe kam mit seinen Überlegungen nicht zur Praxisreife. Auslöser für die intensive Forschungsarbeit Adolf Wilhelm Keims war König Ludwig I. von Bayern. Dieser war von den Wandmalereien in Norditalien tief beeindruckt. Während Kalkanstriche in Italien lange hielten, waren sie in den ofenbeheizten nordeuropäischen Städten durch die Reaktion mit der schwefelhaltigen Luft einem schnellen Verfall ausgesetzt. So erging der königliche Auftrag an die bayerische Wissenschaft, eine Farbe zu entwickeln, die wie Kalk aussieht, aber über einen längeren Zeitraum haltbar ist.

Adolf Wilhelm Keim
Villa Patumbah

Farbe, die sich fest mit dem Mauerwerk verbindet

Die überzeugende wie auch bahnbrechende Lösung war die Erfindung der Keim'schen Mineralfarben von Adolf Wilhelm Keim: Farben, die sich fest mit dem Mauerwerk verbinden. Die Grundlage der 1878 patentierten Silikatfarben beruht auf der richtigen Mischung von flüssigem Kaliumsilikat (Wasserglas) und anorganischen Farbpigmenten. Flüssiges Kaliwasserglas in verdünnter Form - von Keim erstmals als "Fixativ" bezeichnet - bildet an der Luft unter CO2-Aufnahme eine amorphe Quarzstruktur. Es "verkieselt". Das Resultat: Ein witterungsbeständiges, lichtechtes und säureunempfindliches Anstrichmaterial mit einer unübertroffenen Farbbrillanz. Für diese seine Erfindung, die Keim'schen Mineralfarben, erhielt der Forscher Adolf Wilhelm Keim 1878 das kaiserliche Patent. Bei den damals beliebten Fassadenziermalereien setzte diese Farbe bezüglich Beständigkeit, Kolorit und Lichtreflexion neue Massstäbe. Bald sprach man (und man spricht noch immer) vom kristallinen Leuchten der Keim'schen Mineralfarben. So zeugen in der Schweiz zahlreiche Originalmalereien aus der vorigen Jahrhundertwende von der Nachhaltigkeit der Keim'schen Technik (Rathaus Basel, Rathaus Schwyz, diverse Fassaden in der Luzerner Altstadt, Villa Patumbah in Zürich, Altstadt Stein am Rhein usw.) Bald lernte man die Vorzüge der Silikattechnik nicht nur in der Dekor-, sondern auch in der Flachmalerei schätzen - mit der Keim'schen Zweikomponenten-Fassadenmineralfarbe, die etwas grobkörniger als die Künstlerfarben formuliert war. Unter dem Namen KEIM-Purkristalat ist diese Farbe heute jedem Fachmann ein Begriff. Im Gegensatz zur damals verbreiteten Kalktünche lassen sich damit Fassaden in viel intensiveren Bunttönen gestalten.

Hotel Balance Luzern
Farbe verbindet

Die farbige Stadt

Die neuen koloristischen Möglichkeiten der Mineralfarbe bildeten die technischen Grundlage für die Architekturbewegung "Die Farbige Stadt" der 1920er Jahre, ausgehend von Berlin, Wien, Hamburg, Stuttgart, Amsterdam und Zürich. Die damals entstehenden Arbeitersiedlungen suchten sich durch ihre zum Teil intensive Farbigkeit von den weiss-grauen Bürgerbauten abzusetzen. Farbe wurde so auch zu einem gesellschaftspolitischen Ausdrucksmittel. In dieser Zeit avancierte die Keim'sche Mineralfarbe zum Klassiker.

farbige Stadt
farbige Stadt
farbige Stadt

Kultur der Keim'schen Mineralfarben heute

Mit dem Aufkommen der Kunstharze zu Beginn der 1960er Jahre und der damaligen Begeisterung für die neuen Dispersionsfarben wurde es ruhiger um das Erbe Keims. Die Vorzüge der Mineralfarbe schätzten zu jener Zeit am ehesten noch Denkmalpfleger und Restauratoren, durch ihren Beruf der Nachhaltigkeit verpflichtet. Der Idee ihres Gründers blieb die Firma Keimfarben treu - trotz der damaligen Versuchung, mit Kunststofffarben im rasant sich entwickelnden Markt ebenfalls satt mitzuverdienen. Stattdessen pflegte und pflegt das Unternehmen nach wie vor die Kultur der Mineralfarbe - heut zusätzlich mit Produkten, die den modernen Untergürnden technisch angepasst sind. Aufgrund ihrer vielfältigen Vorteile sind die Keim'schen Mineralfarben inzwischen wieder aus ihrer denkmalpflegerischen Nische herausgetreten und finden überall da Anwendung, wo hohe ästhetische, gesundheitliche und bauphysikalische Ansprüche an Architektur und Farbe gestellt werden.



Keim'sche Mineralfarben sind extrem beständig; oft halten sie über Generationen. Sie sind einfach renovierbar und somit erwiesenermasen die nachhaltigsten Farbprodukte auf traditionellem Putz, modernster Wärmedämmung, auf Beton oder im Innenbereich. Sie bedürfen keiner Topfkonservierer, Biozide, Weichmacher oder orangischer Lösemittel. Damit erfüllen sie seit jeher die höchsten gesundheitlichen und ökologischen Ansprüche, wie sie heute erfreulicherweise immer mehr an Aussen- und Innenfarben gestellt werden.

Kaliwasserglas
Alterszentrum Meilen

Meilensteine der Silikattechnologie

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