Weltkulturerbe mit KEIM

Produkte:

Beteiligte:

Winfried Brenne Architekten
http://www.brenne-architekten.de

Objektbeschreibung:
Leuchtendes Blau, tiefes Schwarz: Die UNESCO ehrt Bruno Taut.

Bruno Taut revolutionierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts den sozialen Wohnungsbau - und setzte mit seiner typischen Farbigkeit neue Maßstäbe. Jetzt wurden einige seiner Berliner Siedlungen in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.

Farbe rüttelt auf, zieht in ihren Bann, individualisiert und überhöht Architektur. Farbe akzentuiert und hebt Bauten aus ihrer Profanität, schafft Ankerpunkte in der Stadtlandschaft - kurz: Farbe setzt Zeichen.
Es war Bruno Taut, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Klaviatur der Farbe so virtuos und eigenständig spielte, wie kaum ein anderer. Bruno Taut liebte die expressive, intensive und leuchtende Farbe; er ersetzte das schmutzige Grau der gefürchteten Mietskasernen durch kontrastreiche Polychromie. Und so liefert die Farbe das visuelle Aufbruchsignal zu einem neuen, besseren Wohnen.

Der Tuschkasten
In Berlin entstanden wohl die meisten der Tautschen Siedlungen, die so fulminant in Farbe gesetzt wurden. Begonnen hat es mit der Gartenstadt Falkenberg im Südosten Berlins. Im heutigen Stadtteil Treptow entstand zwischen 1913 und 1915 eine Mischung aus kleinen, zweckmäßigen Reihenhäusern und Geschosswohnbauten in einer grünen Umgebung, inklusive Gartenanteile zur Selbstversorgung. Der sparsamen, einfachen Formensprache der Gebäude setzte Taut eine intensive Farbgebung entgegen, gepaart mit einer Ornamentik, die sich in dieser Form nur hier findet. Alsbald sprach man in Berlin nur noch von der „Tuschkastensiedlung“ oder der „Kolonie Tuschkasten“.
Tatsächlich verwirklichte Taut in Falkenberg ein genau durchdachtes Farbkonzept, das zur Basis seiner künftigen Farbgebungen werden sollte. Interessant ist, dass sich in den beiden Bauabschnitten auch eine Entwicklung Tauts herauslesen lässt: In der ersten Bauphase rund um den Akazienhof bleibt die Farbigkeit noch zurückhaltend. Rotbraune, dunkelbraune und gelbe Fassaden trennen die Hauseinheiten voneinander, abgesetzte Fensterläden und Türen abstrahieren die traditionelle Kleinhaustypologie. Dafür scheint die Farbe im zweiten Abschnitt, dem Gartenstadtweg mit 93 Wohnungen, zu explodieren. Jetzt kommen grafische, groß angelegte und farbig akzentuierte Ornamentiken auf die Fassaden - in dieser ausgeprägten Form übrigens nur in Falkenberg zu sehen.

Rauten, Rechtecke, Diagonalen
Da wäre beispielsweise ein Mehrfamilienhaus in rotockerigem Grundton über einem Klinkersockel. Taut betonte den Eingangsbereich mit einer fulminanten Farbornamentik. Die rot gefasste Tür ist zurückgesetzt, die schräg laufenden Laibungen tragen einen hellen Ockerton. Die Fassade selbst wird von blauen Rechtecken gerahmt, die wiederum Bezug nehmen auf die kleinen Toiletten- und Treppenhausfenster. Innerhalb dieses Portals nun spannt sich eine Fläche auf, die aus zahllosen, zweifarbigen Rauten besteht. Ein schwarzer Beistrich grenzt die Fläche ab. Diese kleinteilige Musterung steht der Massivität des Mauerwerks entgegen und belebt die nur mit kleinen Öffnungen versehene Fassade. Auf der rückseitigen Fassade findet sich ein ähnliches Prinzip, allerdings weniger kleinformatig, sondern von den Öffnungsgrößen der hier vorhandenen Fenster abgeleitet.

Schwarz ohne Schrecken
Falkenberg hält noch eine weitere Überraschung bereit: Schwarz. Bruno Taut warf damals alle Konventionen der Farbgebung von sich, daher ist die großflächige Verwendung von Schwarz nur konsequent. Allerdings beließ es Taut nicht dabei - seinem Grundverständnis folgend, dass die Farbe stets auch Symbol „neuen Lebens und Geistes“ sein sollte, stellte er weiße Klappläden dazu, leuchtend rot gefasste Dachrinnen oder Fassadenfelder in roter und weißer Ornamentik. Auf diese Weise ereichte Taut eine starke Verbundenheit der Bewohner mit „ihrer“ Siedlung, mit „ihrem“ Haus.

Das Leuchten kehrt zurück
Zwischen 1992 und 2002 wurde der Tuschkasten behutsam und abschnittsweise wieder zum Leuchten gebracht. Der Berliner Architekt Winfried Brenne, längst ausgewiesener Taut-Experte, legte neben der baulichen Ertüchtigung größten Wert auf die Wiederherstellung der bauzeitlichen Farbigkeit.
Da Bruno Taut keinen Farbplan hinterlassen hat, basiert die heutige Farbigkeit, das erdige Ocker genauso wie das leuchtende Rot oder das irritierende Schwarz, allein auf den Farbbefunden des Büros Brenne und der Berliner Denkmalpflege GmbH. Die vielen Farbtöne, von Taut damals offenbar selbst angemischt, sind heute in einer Farbbibliothek gesammelt und lassen sich so auch für andere Taut-Objekte zu Rate ziehen. Beispielsweise für den eigenwillig gestreiften Wohnblock in Berlin-Weissensee oder den große Bebauung in der Paul-Heyse-Straße am Rande des Prenzlauer Bergs.
Falkenberg bezeichnete Winfried Brenne übrigens als sein aufwändigstes Sanierungsprojekt, auch weil sich hier eine Vielzahl von Farbnuancen auf engstem Raum versammeln.

Keimfarben gestern...
Bruno Taut stieß bei der Umsetzung seiner intensiven Farbigkeit zunächst auch auf technologische Probleme. Denn mit den üblichen Kalkanstrichen, Putzen oder Ölfarben ließen sich die tiefen Töne nicht realisieren, geschweige denn langfristig erhalten. Die Lösung fand Taut damals in den mineralischen Farben von Adolf Wilhelm Keim, der diese 1878 patentieren ließ. Deren Lichtechtheit, Witterungsbeständigkeit und Pigmentaufnahme verdrängte die damals gebräuchlichen Kalkfarben. Und so wäre ohne die Keimschen Mineralfarben die heute noch faszinierende Polychromie des Neuen Bauens schlichtweg nicht erblüht. In einem Schreiben 1923 an Keim formulierte Taut dies so: „Die Wirkung der Farben (...) ist vorzüglich. Die Farben haben nicht nachgelassen, sind abwaschbar und wischfest. Am besten haben sich die Keimschen Dekorations- und Anstrichfarben auf Putz und Backstein bewährt.“

Keimfarben heute
Bereits bei der zuvor durchgeführten Sanierung der Zehlendorfer Siedlung Onkel-Tom (1926-1932) stießen Winfried Brenne und sein damals noch beteiligter Partner Helge Pitz auf die Keimschen Farben. Diese Verbindung ließ sich weiter zurückverfolgen - bis zur Tuschkastensiedlung. „Da lag es nahe, auch für die Sanierung diese Anstrichstoffe zu benutzen“, erläutert Brenne, der erstmals in den 1970er Jahren Kontakt zu Keim aufnahm.
Und so bekam nach rund acht Jahrzehnten die Falkenberger Gartenstadt ihre Ursprünglichkeit zurück - visuell wie auch beschichtungstechnisch.

Von der UNESCO geadelt
Im Sommer dieses Jahres wurden gleich sechs denkmalgeschützte Berliner Siedlungen aus der Zwischenkriegszeit in die berühmte Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen. Darunter auch drei farbige Arbeiten Bruno Tauts: die so genannte Hufeisensiedlung Britz in Neukölln, die Schillerpark-Siedlung in Weding, die Wohnstadt Carl Legien im Stadtteil Prenzlauer Berg und auch die Gartenstadt Falkenberg.
Es ist nicht der erste Eintrag in die UNESCO-Liste, mit der sich Berlin schmücken kann: 1990 bereits wurden die preußischen Schlösser und Gärten in Berlin und Potsdam, 1999 die Museumsinsel ausgezeichnet. Nun aber handelt es sich um vergleichsweise profane Bauten, einst entstanden, den Menschen ein würdigeres, gesunderes und positiveres Großstadtleben zu ermöglichen als dies in den Mietskasernen möglich war.
Damit erfährt Bruno Taut jene internationale Anerkennung, die dem 1932 aus Deutschland emigrierten Architekten bislang nur verhalten zuteil wurde. Auch Winfried Brenne darf sich geehrt fühlen, dessen Schaffen es unter anderem zu verdanken ist, dass Berlin die aktuellen Weihen erhielt.
Zu guter Letzt wäre da auch noch die Farbe, die mit der Aufnahme in die Welterbeliste vom banalen Anstrichmaterial endlich zu dem erhoben wird, was sie tatsächlich ist: ein Kulturgut.

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